Die Kulmbacher Spinnerei blickt auf eine bewegte und eindrucksvolle Geschichte zurück, die eng mit der Entwicklung der regionalen Industrie verknüpft ist. Gegründet wurde das Unternehmen im Jahr 1863 als „Mechanische Baumwollen-Spinnerei Kulmbach“, und zwar in Form einer Aktiengesellschaft, die von engagierten Kulmbacher Bürgern ins Leben gerufen wurde.
Nach einem Konkurs erfolgte 1870 eine Neugründung unter dem Namen Kulmbacher Spinnerei Aktiengesellschaft. Einen entscheidenden Wendepunkt markierte das Jahr 1899, als die Textilunternehmerfamilie Hornschuch aus Fürth das gesamte Aktienkapital übernahm.
Im Jahr 1900 trat Fritz Hornschuch in die Unternehmensleitung ein und wurde bereits 1903 zum alleinigen Vorstand der Aktiengesellschaft berufen. Noch im selben Jahr brannte das Werk in Kulmbach vollständig ab. Bereits 1904 wurde das neu errichtete Gebäude eingeweiht.
Unter Hornschuchs Leitung entwickelte sich der Betrieb zu einem der bedeutendsten Industriebetriebe in Oberfranken. Zwischen 1900 und dem Tod von Fritz Hornschuch im Jahr 1955 wuchs die Spindelkapazität von 25.000 auf etwa 150.000 Spindeln. Zusätzlich entstanden eine eigene Weberei, eine Färberei sowie eine Belegschaft, die in ihrer Blütezeit über 3.200 Beschäftigte zählte.
Im Jahr 1972 übernahm die Spinnerei mehrere Betriebe, darunter die Spinnerei, Zwirnerei und Färberei F. C. Bayerlein in Bayreuth sowie die Spinnerei Hof & Zimmermann in Marktschorgast. Diese Expansion konnte jedoch den Strukturwandel der Textilindustrie nicht dauerhaft aufhalten: Zwischen 1974 und 1981 wurden die Standorte in Baiersbronn, Marktschorgast und Bayreuth wieder geschlossen.
Am 03.09.1988 kam es im Werk Mainleus des Unternehmens zu einem Brand in der Kardiere, ausgelöst durch Funkenflug von einer verbogenen Metallkante. Die Werksfeuerwehr und die Freiwillige Feuerwehr konnten den Brand schnell löschen. Der Schaden wurde auf etwa 100.000 Mark geschätzt. Menschen wurden nicht verletzt.
Der Hauptbetrieb in Kulmbach wurde schließlich 1993 stillgelegt, und die Produktion wurde nach Mainleus verlegt.
Nach der Stilllegung des Hauptbetriebs im Jahr 1994 wurde das ehemalige Werksgelände schrittweise einer neuen Nutzung zugeführt. 1999 eröffnete dort das erste Kulmbacher Einkaufszentrum mit dem Namen „Fritz“, gefolgt von der Errichtung eines Busbahnhofs im Jahr 2000 und eines Jugendzentrums im Jahr 2003. Auch die Werkfeuerwehr, die seit 1923 bestand, prägte das Unternehmen über viele Jahrzehnte hinweg. Im Zuge des Umbaus werden zahlreiche Gebäude der ehemaligen Spinnerei als Industriedenkmal erhalten, was die historische Bedeutung des Areals unterstreicht. Seit 2020/21 nutzt die Universität Bayreuth Teile des Geländes als Campus für Lebenswissenschaften, Ernährung und Gesundheit, nachdem die neue Fakultät im Oktober desselben Jahres offiziell eröffnet wurde.
Die Gründung der Kulmbacher Spinnerei im Jahr 1863 als Aktiengesellschaft steht beispielhaft für den frühen Aufbau industriellen Unternehmertums in der Region. Mit dem Wandel von Handarbeit zur mechanisierten Fabrikproduktion wurde sie zu einem Pionierbetrieb in Oberfranken.
Ihre prägende Wirkung zeigt sich nicht nur in der Größe des Unternehmens und der Zahl der Beschäftigten, sondern auch in der Errichtung eigener Produktionsstätten und der Nutzung von Wasserkraftwerken zur Eigenversorgung. Neben dieser industriellen Bedeutung hatte der Betrieb auch großen Einfluss auf das Leben der Menschen in der Region. Durch die Ansiedlung in Mainleus entstand ein ganzer Ortsteil mit Wohnhäusern, einer Kirche und einem Wirtshaus für die Mitarbeiter. Ebenso wurde die Villa Hornschuchhöhe errichtet. Die Spinnerei war einer der größten, wenn nicht sogar der größte Arbeitgeber in Kulmbach und Mainleus.
Sie war ein Schrittmacher für die regionale Industrieentwicklung. Auch heute noch ist die Industriegeschichte im Stadtbild Kulmbachs sichtbar.
Das ehemalige Werksgelände, bekannt als „Alte Spinnerei“, wurde zu neuen Zwecken (siehe Nutzung des Werksgeländes) umgebaut und als Industriedenkmal anerkannt. So bleibt die Spinnerei sowohl historisch als auch räumlich im öffentlichen Bewusstsein fest verankert.